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Ich kenne meine Reaktion. Ich kenne nicht immer ihren Ursprung.

Unter Druck reagieren wir schnell. Was dabei selten gefragt wird: Woher kommt diese Reaktion eigentlich? Self Science nach Prof. Sandro Formica beschreibt, wie innere Faktoren wie Werte, Überzeugungen und emotionale Muster Entscheidungen steuern, lange bevor jemand bewusst wählt.

Eine Führungskraft erzählt mir in einem Coaching, dass sie in Meetings unter Zeitdruck regelmäßig ungeduldig wird, fast aggressiv, obwohl sie das selbst nicht will. Sie weiß es. Sie hat es schon mehrfach beobachtet. Und trotzdem passiert es wieder. Sie hat Techniken ausprobiert, tief atmen, innerlich bis drei zählen, sich vorher erinnern. Es hilft manchmal. Aber die Reaktion bleibt, als wäre sie stärker als jede Absicht.

Das ist sie auch. Solange ihr Ursprung nicht bekannt ist.

Was Self Science damit zu tun hat

Prof. Sandro Formica, Ph.D., hat an der Florida International University den Ansatz der Self Science entwickelt, ein strukturiertes Modell der Selbstführung, das innere Faktoren wie Bedürfnisse, Werte, Talente, Überzeugungen und emotionale Muster mit konkreten Entscheidungen und Handlungen verbindet. Der Ausgangspunkt ist eine einfache, aber weitreichende Beobachtung: Menschen handeln meistens nicht aus ihren bewussten Absichten heraus. Sie handeln aus dem, was in ihnen wirkt, oft ohne es zu wissen.

Das bedeutet nicht, dass man seinen Reaktionen ausgeliefert ist. Es bedeutet, dass Veränderung dort ansetzen muss, wo die Reaktion entsteht, nicht erst dort, wo sie sichtbar wird. Wer nur das Verhalten zu verändern versucht, ohne zu verstehen, welches Bedürfnis dahintersteckt oder welche Überzeugung es antreibt, arbeitet an der Oberfläche. Das kann kurzfristig funktionieren. Dauerhaft ist es erschöpfend.

Was das konkret bedeutet

In meiner Arbeit mit Führungskräften erlebe ich immer wieder, dass Reaktionen unter KI-Druck nicht neu sind. Sie sind alt. Der Kollege, der in Veränderungsprozessen zur Kontrolle neigt, hat das wahrscheinlich schon immer getan, nur wurde es früher weniger sichtbar. Die Führungskraft, die unter Druck kommunikationsarm wird, hat gelernt, dass Schweigen sicher ist, irgendwann, irgendwo in ihrer Geschichte.

Self Science fragt: Was treibt mich an? Was ist mir wirklich wichtig? Was blockiert mich, auch wenn ich es nicht zeige? Und welche Routinen helfen mir, in meiner eigenen Mitte zu bleiben, wenn es schwierig wird? Das sind keine therapeutischen Fragen. Es sind Führungsfragen. Wer sie nicht kennt, führt aus seinen Mustern heraus. Wer sie kennt, hat eine Wahl.

Warum das unter KI-Druck besonders zählt

KI-Einführungen erzeugen eine sehr spezifische Form von Druck: Vergleichbarkeit wird erhöht, Tempo wird erhöht, die Toleranz für Unsicherheit wird auf die Probe gestellt. In diesem Klima werden die Lücken zwischen dem, wer jemand sein will, und dem, wie er tatsächlich reagiert, größer und sichtbarer. Für manche wird das zur Chance, etwas zu verstehen, das sie schon lange ahnen. Für andere wird es zu einer Quelle von Scham und Rückzug.

Was den Unterschied macht, ist nicht Stärke. Es ist Selbstkenntnis. Nicht als Selbstoptimierung, nicht als Perfektionsprojekt, sondern als die ganz schlichte Fähigkeit, sich selbst ehrlich anzuschauen. Und von dort aus zu entscheiden.